Geschehnisse aus dem 145-jährigen Werdegang
der Freiwilligen Feuerwehr Degerndorf

 

Schon im letzten Jahrhundert war die Organisation einer Feuerwehr eine Pflichtaufgabe der Gemeinde. Feuerwehrpflichtig waren Männer im Alter zwischen 18 und 55 Jahren. In vielen Orten des Inntals entstanden in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts Feuerwehren auf der Basis von Vereinen, die die Aufgaben der Pflichtwehren übernahmen.

 

In Degerndorf am Inn waren es 1873 24 Gründungsmitglieder. Der erste Vorstand war Otto Steinbeis, Sägewerks- und Stationsbesitzer; als erster Hauptmann und Kassier ist Josef Urscher, Bauer in Schwaig und als erster Zeugwart Johann Huber, Bauer in Degerndorf verzeichnet.
 
Mit bescheidenen Mitteln und ohne Wasserleitungsnetz standen diese Männer damals dem Element Feuer gegenüber. Degerndorf war zwar noch klein, aber weit ausgedehnt.
 
Als Wasserversorgung stand nur das sogenannte Dammbacherl zur Verfügung. Wie anders die Verhältnisse waren, wird ersichtlich, wenn man in den distriktspolizeilichen Bestimmungen über das Feuerlöschwesen liest, dass der Bürgermeister die Hilfeleistung der Nachbargemeinden mittels Absendung von Feuerreitern bzw. -boten in Anspruch zu nehmen hat, wenn mehr als ein Haus bedroht ist.
 
Der Pferdevorspann vor den Requisitenwagen wurde nach Häusern reihum verteilt. Die Alarmierung erfolgte durch Sturmläuten. Zwei Glocken bedeuteten einen Brand in der eigenen Gemeinde und bei einer Glocke einen auswärtigen Brandfall.


Löschfahrzeug 1930

 © Feuerwehr Degerndorf - Löschfahrzeug um 1930

 

Das erste Gerätehaus wurde vom damaligen Postwirt Josef Widmann anlässlich eines Grundstückstausches mit der Gemeinde 1911 von einem 50 m östlich liegenden Standort auf die Fläche zwischen dem Gasthaus Post und dem ehemaligen Kaufhaus Hörhammer umgesetzt.
 
Um die gleiche Zeit entstand das Wasserleitungsnetz mit den ersten Hydranten. Im Jahr 1924 konnte anlässlich der 50-Jahr-Feier eine neue Fahne geweiht werden, wobei die Flintsbacher Wehr die Patenschaft übernahm. Die Degerndorfer Wehr war 1929 die erste im Inntal, die ein motorisiertes Löschfahrzeug erhielt. Dies geschah durch eine großzügige Stiftung von Frau Fanny Steinbeis.
 
Es folgten ruhige Jahre, teils ohne einen einzigen Brandfall. Es waren aber auch Jahre mit 4 Bränden wie 1932 oder 1936 mit 3 Bränden innerhalb der eigenen Gemeinde zu verzeichnen.
 
Im gleichen Jahr übernahm man eine 12 m hohe neue Magirus Anhängeleiter. Wie sich die Zeiten in diesen Jahren änderten, spürt man, wenn plötzlich nicht mehr von Übungen und Versammlungen zu lesen ist, sondern Apelle abgehalten werden, und aufgrund einer Verordnung die bayerischen Kokarden von den Mützen zu entfernen waren. Durch Verordnung wurden die örtlichen Feuerwehren aufgehoben und der Feuerschutzpolizei eingegliedert.
Als erstes Vorzeichen schlimmer Zeiten brechen im Protokollbuch Ende 1937 die Aufzeichnungen plötzlich ab. Während des Krieges muss die Wehr dann schließlich mit ihrem damals schon wieder alten, vollgummibereiften Löschfahrzeug nach München, um die Brände der Bombennächte löschen zu helfen.
 
 
Nach 1945 ordneten sich die Verhältnisse wieder. Unter Leitung des Schmiedemeisters Michael Astner, der bereits seit 1919 das Amt des Kommandanten ausübte, nahm die Degerndorfer Wehr mit der Neugründungsversammlung am 30. März 1947 einen neuen Anfang.
 
 
Am 8. Januar 1950 konnte schließlich die 75-Jahr-Feier begangen werden. Die folgenden 25 Jahre standen im Zeichen der Technisierung. Eine neue Tragkraftspritze wurde im Jahr 1960 angeschafft. Schon drei Jahre später, am 6. Januar wurde das neue Löschfahrzeug LF 8 seiner Bestimmung übergeben. Bereits 2 Tage später kam das Fahrzeug bei einem Zimmerbrand im Schloß Brannenburg zu seinem ersten Einsatz. Im gleichen Jahr wurde im Rahmen des zivilen Bevölkerungsschutzes ein Vorauslöschfahrzeug mit den ersten Atemschutzgeräten bei der Degerndorfer Wehr stationiert. Ein Jahr später konnte das jetzige Gerätehaus mit zwei Fahrzeugstellplätzen bezogen werden.
 
Es folgte ein Pulverlöschanhänger und im Jahr 1969 erhielt die Wehr Funkgeräte, die sich beim 3-tägigen Waldbrandeinsatz in Oberaudorf erstmals bewährten, und schließlich Funkmeldeempfänger, die einen stillen Alarm durch die Feuerwehreinsatzzentrale in Rosenheim ermöglichten.
 
Im Mai 1970 wurde die Wehr zu einem Zugunglück im Bahnhof Rosenheim gerufen, nachdem dort mehrere Kesselwagen explodiert waren. Schließlich wurde am 11.11.1972 ein Tanklöschfahrzeug TLF 16 eingeweiht. Die Wehr war nun bestens ausgestattet. Das erste Einsatzfahrzeug von 1929 hatte nun im Gerätehaus keinen Platz mehr und wurde deshalb an das Feuerwehrmuseum in Fulda abgegeben.
 
 
In dem nach früheren Begriffen weit abgelegenen Wiesenhausen unterhielten die dortigen Bauern eine eigene Löschgruppe mit eigenem Gerät, die erst 1972 vollständig in die Degerndorfer Wehr integriert wurde.
 
 
Im Mai 1974 wurde das 100-jährige Bestehen der Wehr gefeiert. Im gleichen Jahr wurde die Wehr im August fast zwei Wochen gefordert, um bei der Bewältigung der Schäden zu helfen, die ein schwerer Hagelschlag im Gemeindegebiet verursacht hatte. In den folgenden Jahren waren im Gemeindebereich keine größeren Brände zu verzeichnen. Aufgrund ihrer guten Ausrüstung wurde die Wehr jedoch wiederholt bei Bränden in den Nachbarorten zur Hilfe gerufen.
(1976 Brand des landwirtschaftlichen Anwesens Oberpaul in Irlach, 1978 Brand der Zimmerei Mayer in Nußdorf, 1979 Brand des Hotels Lambacher in Oberaudorf, 1981 Brand der Berggaststätte Kollak, Grafenherberg, 1982 Brand einer Wohnbaracke beim Bau der Innstaustufe in Nußdorf, 1983 Brand zweier landwirtschaftlichen Anwesen in Watschöd, 1984 Brand des Reithofes in Bad Feilnbach, 1985 Brand des Gasthauses Waller in Reisach, 1986 Brand des Gasthauses Duftbräu am Samerberg, 1989 Brand im Altenheim Fischbach sowie 1990 Brand eines landwirtschaftlichen Anwesens in Oberstuff am Samerberg)
 
 
Seit Ende der siebziger Jahre stieg die Anzahl der Einsätze sprunghaft auf durchschnittlich 30 im Jahr an. Dazu trug im wesentlichen die deutliche Zunahme im Bereich der technischen Hilfeleistung bei. Um den steigenden Anforderungen bei Verkehrsunfällen gerecht zu werden, wurden 1978 ein Rettungsspreitzer und eine Rettungsschere beschafft. 1982 wurde das alte LF 8 durch ein neues Einsatzfahrzeug ersetzt. Aus Vereinsmitteln kaufte die Wehr 1984 einen VW Doppelkabiner, der seitdem gute Dienste leistet. Im gleichen Jahre erfolgte der Austausch des alten Hilfrüstwagens des Bundes durch einen Rüstwagen RW1. Auch die räumliche Situation verbesserte sich in dieser Zeit deutlich. 1979 wurde der in Eigenleistung um- und ausgebaute Unterrichts- und Aufenthaltsraum, sowie 1981 die Erweiterung der Fahrzeughalle eingeweiht. Das Jahr 1991 war das bis dato einsatzreichste Jahr in der Geschichte der Degerndorfer Wehr. Insgesamt 82 mal wurde sie zu Einsätzen gerufen. Besonders eine Serie von Brandstiftungen hielt die Degerndorfer Wehr mit ihren Nachbarwehren in Atem. Allein viermal rückten sie zu Großbränden bei der Fa. Holten aus. Bei diesen Bränden waren bis zu 10 Wehren mit über 250 Mann im Einsatz. Besonders gefordert wurden die Wehren in der Nacht vom 14. auf den 15. August, als innerhalb einer Stunde neben einem Brand bei der Fa. Holten ein weiterer Großbrand beim Obermoar an der Sudelfeldstraße zu bewältigen war. Die Wehr war bei diesen Bränden bis zu 21 Stunden ununterbrochen im Einsatz.
 
 
Immer stärker ins Gewicht fallen die technischen Hilfeleistungen bei Verkehrsunfällen, Ölspuren, Unwettereinsätze etc. Diese Einsätze überwiegen den Brandeinsätzen bei weitem. Insbesondere ein schweres Busunglück im März 1996 auf der Inntalautobahn verdeutlichte, wie umfangreich das Aufgabengebiet der Feuerwehr ist. Die Feuerwehr übernahm die Verletztenbergung sowie deren Betreuung, bis die Sanitätsdienste vollständig eingetroffen waren. Zudem mussten die Unfallstelle abgesichert und Aufräumarbeiten geleistet werden.
Außerdem war der Einbau einer Ölsperre im Kirchbach erforderlich.
 
 
Im Jahr 2002 wurde das alte Tanklöschfahrzeug durch ein neues TLF 16/25 ersetzt, die Fahrzeughalle wurde 2008 um einen Stellplatz erweitert und im Folgejahr musste der nun alte VW einem neuen Mehrzweckfahrzeug samt Anhänger weichen.
Bis zur Schließung der 1936 erbauten Karfreitkaserne im Jahre 2010 wurden Übungen mit den dort stationierten Bundeswehreinheiten abgehalten und man beteiligte sich im Rahmen der trinationalen (Deutschland, Österreich, Schweiz) Katastrophenhilfe-Übung "Terrex 2012" an den Übungsszenarien im Inntal. Die reibungslose Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Rettungsorganisationen und dem Militär stand hierbei im Vordergrund. Noch im selben Jahr wurde dann auch der geschätzte RW1 von einem neuen Rüstwagen mit umfangreicherer Beladung abgelöst.
Bedingt durch das Jahrhunderthochwasser 2013 folgte das bisher einsatzreichste Jahr für die Wehr. Insgesamt 109 Einsätze (davon allein 87 technische Hilfeleistungen) waren zu bewältigen und führten die Kameraden sowie die Nachbarwehren zum Teil auch in andere Gemeinden des Landkreises.
2014 übte man zusammen mit dem THW Rosenheim den Einbau einer Ölsperre im Inn und im November 2017 konnte die Wehr schließlich einen neuen Gerätewagen Logistik feierlich einweihen, der aufgrund geänderter Einsatzschwerpunkte für das betagte LF 8 von 1982 beschafft wurde.
 
© Feuerwehr Degerndorf - Fahrzeuge im Jahr 2010
 
 
Um die mittlerweile rund 60 Einsätze im Jahr bewältigen zu können, ist eine intensive Ausbildung erforderlich, die viele Stunden und Abende in Anspruch nimmt.
 
 
 
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